Leseprobe meines Buches „Exphilosiv“


EXPHILOSIV

oder: Die technologische Singularität Teil 1

Sören Hoes

Impressum

Sämtliche Handlungen, Charaktere und Dialoge in diesem Buch sind rein fiktiv. Jegliche Übereinstimmung mit realen Personen oder Unternehmen ist zufällig.

Internetseite des Autors: www.mauc.eu

Copyright © 2016 by Sören Hoes

ISBN 9783744895989

Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand, Norderstedt

Alle Rechte vorbehalten.

Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der offiziellen Erlaubnis durch den Autor.

 

 

 

Nur weil jemand taktvoll redet,
heißt das nicht,
dass er auch Musik im Bauch trägt.
– Sören Hoes –

 

 

 

K1.1 Steckbriefe
„HIOB“. In Polizeikreisen „Das Phantom“, bürgerlicher Name unbekannt. Braune Haare, lockig über Augenbrauen und Ohren, ungepflegte Erscheinung. In den Zwanzigern. Katholische Kommunion, später muslimisch. Mutter konvertierte für eine Scheinehe eines arabischen Flüchtlings. Leiblicher Vater jüdisch, abwesend, hat die Familie im Stich gelassen.
JOSEP CLAUDMANN. Kommissar beim Bundeskriminalamt. Blonde kurze Haare. Ende vierzig. Draufgänger. Mutter verstarb bei der Geburt seiner Schwester, traurigerweise zugleich Kindstod. Vater war selbstständiger Vintage-Handwerker. Nach den schweren Schicksalsschlägen arbeitete er mit Josep umso mehr in der Heimwerkstatt. Dort tötete ihn die Explosion einer Gasflasche, wobei Josep am Ohr verletzt wurde. Seither gelegentlich auf dem rechten Ohr taub, was er bewusst verschweigt.
MARINA SPIEGEL. Psychologin beim Bundeskriminalamt. Lange braune Haare. Brillenträgerin. Schlank. Ihr Alter hält sie für ein Geheimnis. Familienhintergrund unbekannt, Babyklappe. Adoptiert von einer Polizistenfamilie. Kindheit: Helikoptereltern, unzählige schulbegleitende Stunden Privatunterricht, schwarzer Gürtel im Judo, Abitur mit 1,1.
GENERALBUNDESANWALT. Name: egal. Graue Haare, gepflegter Vollbart. Anfang sechzig. Lebt für den Job. Glaubt privat, Frauen seien nervig und unfähig. Ledig, kein Kontakt zur Familie.

 

K1.2 Hiob’s Internetvideo

„Wenn ihr mir zuwiderhandelt, mich nicht hören wollt, so will ich euch noch weiter schlagen, siebenfältig, um eurer Sünden willen. Und werde wilde Tiere senden, die eure Kinder fressen, euer Vieh zerreißen, euch vermindern und eure Straßen sollen öde werden. Werdet ihr euch aber damit noch nicht von mir zurechtbringen lassen und mir zuwiderhandeln, so will ich euch zuwiderhandeln und euch siebenfältig mehr schlagen um eurer Sünden willen und werde ein Racheschwert über euch bringen, das meinen Bund rächen soll. Und wenn ihr auch in eure Städte flüchtet, will ich dort die Pest unter euch senden und euch in die Hände eurer Feinde geben … drittes Buch Mose, Kapitel sechsundzwanzig, Vers einundzwanzig bis fünfundzwanzig.“

Dies düstere Bibelzitat sprach der unbeweglich wirkende Mann in seine Videokamera. Währenddessen ließ er sie auf einem Stativ einrasten, um anschließend, den richtigen Winkel zu finden. Als ob man solche Dinge nicht vorbereitet. Der Absender jenes aufsehenerregenden Internetvideos lautete ‚Hiob‘. Möge die Wahrheit über die Wahl seines Pseudonyms urteilen. Da nun alles stimmte, setzte er sich auf einen edlen Bürosessel, um sich in Ruhe der Aufnahme zu widmen. Der abgenutzte Stuhl wird, zumindest optisch, schon bessere Zeiten erlebt haben. Das Leder hatte mehr als drei Risse, aus denen weißes Polster herausquoll. Der Raum war eher dunkel und zugleich unverhältnismäßig ausgelichtet – sogar für einen verpixelten Amateurfilm. Das einzige Licht im Zimmer strahlte von ein paar Schreibtischlampen. Am Fenster war eine schwere schwarze Plastikplane angebracht, um Rückschlüsse auf den Aufenthaltsort zu vermeiden. Der Schreibtisch rechts von ihm war mit Computerbildschirmen, Eingabegeräten und Stapeln handschriftlich beschriebener Papiere reichlich beladen.

Nachdem sich der junge Mann also gesetzt hatte, hob er erneut an zu reden: „Ein Zitat aus der Bibel soll nicht bedeuten, dass es sich hier um Religion dreht … nein, nicht substanziell. Es geht um die technologische Singularität. Einigen wird der Fachterminus unbekannt sein. Ich will es in wenigen Worten verständlich sowie kurz erläutern, bevor ich zum Anlass dieser Videonachricht überleite.“

An der Wand zu seiner Linken lagen zahllose Bücher. Viele der Buchstabensammlungen waren sichtbar aufgeschlagen und in Gestalt von Türmen wild verteilt. Nirgendwo stand ein Regal. Die Mauern des Raumes verbrachten ihr Dasein unverputzt. Das mehr oder weniger geometrische Muster der schlecht verfugten Steine erinnerte zu gleichen Teilen an trostlose Armut als auch an den ignoranten Gedanken: ‚Mir doch egal.‘ Hiob trug unauffällige Kleidung, bestehend aus einer dunkelblauen Jeans, die dem übergewichtigen Mann eindeutig zu klein waren. Zusätzlich trug er einen schwarzen ausgewaschenen Kapuzenpullover, dessen Farbe jedoch durch Gebrauch und Reinigung – eher einem ungleichmäßigen dunkelgrau entsprach. Seine Erscheinung vermittelte den Eindruck, als schlafe er regelmäßig in seinen Klamotten. Nach einer, wie er dachte, wirkungsvollen Pause ergänzte er dann: „Die technologische Singularität. Darunter wird unter dem Strich der Augenblick verstanden, ab dem eine künstliche Intelligenz sich ihrer selbst bewusst wird und damit sich selbstständig verbessern kann. Theoretisch führt das unweigerlich zu einer Rückkopplung, der Entwicklung ihrer Fähigkeiten auf so hohem Niveau, dass der Mensch einer solchen Intelligenzexplosion intellektuell nicht mehr imstande ist zu folgen. Sofern es überhaupt in einem Labor oder Ähnlichem beobachtet stattfindet. Eine Superintelligenz dieser Natur wird jede denkbar mögliche Vorstellungskraft bei Weitem übersteigen. Wodurch ein Bruch der Geschichte entsteht. Von jenem Moment an wird es nur noch ein Davor und ein Danach geben. Es heißt, ebendieser technologische Fortschritt sei die letzte Erfindung des biologischen Lebens. Aus dem einfachen Grund, da sie auf alle Fragen und Probleme eine Antwort und Lösung weiß. Der Zeitpunkt der technologischen Singularität wird von international anerkannten Wissenschaftlern – beispielsweise Ray Kurzweil – im Allgemeinen auf die Mitte des einundzwanzigsten Jahrhunderts geschätzt.“

Hiobs Leidenschaft für dieses Thema war seinem Gesicht leicht anzumerken, auf der einen Seite begeistertes Interesse, auf der anderen aber finsterer Ernst. Nachfolgend verschob sich seine Mimik in konsequente Konzentration. Augen fixierten das Objektiv der aufnehmenden Kamera. In einem gewichtigen Tonfall hieß es jetzt: „So viel zur Theorie. Einer der Computer“, er deutet mit dem rechten Daumen hinter sich, „beherbergt eine solche von mir selbst geschriebene Software. Sie ist bislang nicht ausgeführt. Das werde ich allerdings ändern, sobald mein Film hier ins Netz hochgeladen ist. Es ist kein gewöhnliches Programm. Streng genommen ein viraler Virus. Spezieller Quellcode, einmal aktiv und aufs Internet losgelassen, einen Unterschied machent zu allem bisher Existenten. Was genau geschehen wird, na ja, ist nur zu vermuten. Der Vorhersagehorizont ist natürlich, monumental und bunt. Ich persönlich denke, die Welt wird nicht und nie mehr so sein, wie sie war und aktuell scheint. Ich spreche hier von der absoluten Revolution der Evolution. Die letzte Stunde des freien Willens, sie ist jetzt. Gott wird uns diesen nur noch theoretisch oder durch Nichtwissen genießen lassen. Sofern wir morgen nicht alle tot sind, was für meine Ohren unwahrscheinlich klingt. Letztlich steht die Frage ‚wozu‘ ich das mache im Raum. Nun ja, erstens: weil es mir sinnvoll erscheint und sowieso irgendwann einmal passieren wird. Zweitens, weil ich es kann: warum also nicht von mir, einem der Guten? Und drittens habe ich die Faxen dicke von den banalen, kleinen, doch viel zu vielen oberflächlichen Lächerlichkeiten, den dümmlichen Problemchen. Hier nehme ich mir das Privileg, sie zu einem späteren Zeitpunkt genauer zu definieren. Zunächst wundern wir uns aus der heutigen aufgeklärten Sicht: „Vor dem Urknall. Wie kann nichts existieren und zusätzlich so viel davon? Steckt Gott tatsächlich hinter dem Urknall, bevor er vor dreizehn Komma neun Milliarden Jahren geschah? Eine Leere ohne Zeit und Raum. Woher nahm Gott sich beispielsweise die Freiheit zu überlegen, Leben und Materie zu schaffen? Wann wusste Es ohne Zeit, dass ein Gedanke fertig oder jene Galaxie da- und jener Finger dorthin soll? Die kniffelige Aufgabe ist: Wie oder wo merkt man sich Solches, wenn keine Spur Gehirnähnliches zur Verfügung steht, wo doch auch kein Raum existiert?‘ Würde sich Gott allen Menschen offenbaren, wäre dies ein Akt für den einzelnen unmöglich kalkulierbarer Konsequenzen. Zumindest aber hätte damit ein jeder Mensch mit seinem Nächsten eine Sache gemeinsam: Die eigenen Erfahrungen mit Gott! Es entstünde ein allgemeiner Konsens der Einsicht und Verständigung. Nicht mehr wie heute: du glaubst daran nicht oder verleugnest jenes, darum mag ich dich nicht und schließe dich aus meinem Leben aus. Nein. Auf Basis gleichartiger Erlebnisse gäbe es ein tiefes Grundverständnis für unsere Artgenossen. Erwiese sich zuvor Erwähntes, schwebte uns eine verrücktmachende Last von den Schultern des Kreuzes. Unsicherheit. Gefahr. Die Angst vor dem Tod. Jede Seele könnte ihren Fortbestand nach dem Körper deutlich erkennen … leider ist unser Schicksal derzeit nicht derartig gnädig. Die Unverfügbarkeit Gottes. Ich werde es ändern.“

K1.3 Lagebesprechung

An dieser Stelle unterbricht Kommissar Josep Claudmann das Video. Er ist deutschlandweit der leitende Beamte des Falls. Er befindet sich in einem Büroraum zusammen mit seiner Kollegin Marina Spiegel. Beide bringen den Generalbundesanwalt auf den neuesten Stand der Ermittlungen. Alle sitzen am gleichen Tisch. Kommissar Claudmann und Psychologin Spiegel fixieren den Generalbundesanwalt. Er folgte konzentriert der medienunterstützten Beamerpräsentation und blickt nun in Claudmanns Augen.

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